...ein Vorurteil" Albert Einstein musste es ja wissen. Ich befasse mich nun seit drei Jahren mit Johann Caspar Lavater und stosse dabei immer wieder auf solche Vorurteile. Ich hatte sie früher auch. Ich habe sie auch heute noch. Sie halten sich hartnäckig. Aber sie verhindern halt auch, dass man sich mit seinem theologischen Denken befasst. Dabei würde es sich lohnen! Ich habe sogar ein Büchlein über Lavaters Theologie geschrieben, um zu zeigen, dass es sich lohnt, sich auf sein Denken einzulassen. Das Besondere ist seine verwegene Art und Weise, Theologie zu betreiben. Ich will es so sagen: Lavater war mit Leib und Seele Pfarrer. Aber er blieb nicht dabei, Pfarrer zu sein. Er war Theologe. Aber er blieb nicht dabei, Theologe zu sein. Er war Seelsorger. Aber er blieb nicht dabei, Seelsorger zu sein. Lavater wollte wirken. Er wollte etwas bewirken. Er suchte den Nerv seiner Zeit. Aus der Zeit der Ausbildung schien ihm schon früh klar: Es ist der Reichtum, das Wunderbare und das Geheimnis des einzelnen Menschen, das frei zur Entfaltung kommen soll. Drei Dinge sind es, mit denen Lavater das wunderbare, geheimnisvolle Reich des Individuums zu ergründen suchte. Er hatte diese schon in jungen Jahren im Umkreis von Johann Jacob Bodmer mitbekommen. Die Einbildungskraft, die Kunst der Freundschaft und die Gabe des Beobachtens. Mit die- sem Bildungsideal ging Lavater daran, den einzelnen Menschen zu ergründen, zu befreien und zu seiner Bestimmung, zu sich selbst zu führen.
Wenn ich dieses Glaubensbekenntnis im Gottesdienst lese, dann mit dem Hinweis, dass es nicht den ganzen Glauben enthält und dass es nicht ein Glaubensbekenntnis für alle ist. Es ist ein Fragment. Vor ein paar Jahren habe ich es aufgeschrieben.

Gott:
In den Widersprüchen des Lebens,
in den Gegensätzen der Welt
glauben wir an das Gute im Menschen
und nennen es Gott.
Jesus:
Wir glauben wie Jesus, dass Gott zu uns
wie ein guter Vater, wie eine gute Mutter ist,
der uns als Lebensgrundlage die seine Liebe gibt -
in der Gestalt der Geborgenheit und in der Gestalt der Freiheit.
Heiliger Geist:
der Sinn unseres Lebens liegt
in der Nachfolge Jesu Christi.
Wir leben wie er aus der Verbundenheit mit Gott.
Wir wirken wie er,
in dem wir der Liebe bei uns Raum geben.
Kirche:
Wir glauben, dass uns die Verbundenheit mit Gott
aus der Enge der schicksalhaften Mächte führt.
Der Gottesdienst ist der Ort, wo wir diesen Glauben einüben
zur Stärkung des eigenen Denkens,
der Fähigkeit, in der Wahrheit zu leben
und zur Förderung von gegenseitigem Respekt.



Beim Bekennen ist es wie beim Singen. Auch wenn wir mit dem neuen Gesangbuch einen bunten Strauss von schönen Liedern haben, erwarte ich nicht, dass alle herzhaft mitsingen. Im Gegenteil: So lieb mir das gemeinsame Singen auch ist, geht es im reformierten Gottesdienst doch immer auch um das rechte Gestalten der christlichen Freiheit. Jeder möge auf seine Art mitmachen. Es gibt gute Gründe, bei einem Lied nicht mitzusingen. Es gibt auch Situationen im Leben, da einem das Singen vergangen ist. Und doch kann es den Glauben stärken, wenn man miteinander singt.

17/02: ON THE ROAD

Für eine Veranstaltung "Wort und Musik" zum Thema "Unterwegs" vertiefe ich mich in "ON THE ROAD" von Jack Kerouac. Die Lektüre macht Spass. Ich schwelge in einer anderen Zeit, die auch noch ein klein wenig meine Jugendzeit prägte. Es ist der epochemachende Roman über eine Schar junger Menschen, die auf der Suche nach Wahrheit, Liebe, Glück quer durch Amerika trampen. Dieser Roman aus dem Jahr 1951 beschreibt das Lebensgefühl des Aufbruchs der Jugend in den 60er Jahren: Er wurde gleichzeitig geistige Nahrung der Jugend der sog. Beatgeneration. Jack Kerouac tippte das Manuskript in drei schlaflosen Wochen auf eine 40 Meter lange Papierrolle.

„Die einzigen Menschen, die mich interessieren, sind die verrückt leben, verrückt reden und alles auf einmal wollen, die nie gähnen oder Phrasen dreschen, sondern wie römische Lichter die ganze Nacht lang brennen...Was uns treibt, ist die Sehnsucht nach dem Westen, wir träumten von der Heilkraft, der Aufgeschlossenheit des Westens, dem unsterblichen Traum von Freiheit und Seligkeit."

„On the road“ von Jack Kerouac, erschien in einer gekürzten Fassung im Jahr 1951. Die Originalfassung ist erst vor ein paar Jahren publiziert worden, die deutsche Übersetzung im Jahr 2010.

„Als ich aufwachte, wurde die Sonne schon rot. Das war der einzige Moment in meinem Leben, der seltsamste aller Augenblicke, wo ich eindeutig nicht wusste, wer ich war. Ich war weit weg von zu Hause, geplagt und müde vom Unterwegssein, in einem billigen Hotelzimmer, das ich noch nie gesehen hatte, hörte die Dampfloks draussen zischen und die alten Holzböden des Hotels knarren, Schritte im Stockwerk über mir und all die kläglichen Geräusche, und ich sah zur rissigen Decke hoch und wusste bestimmt fünfzehn seltsame Sekunden lang nicht, wer ich war. Ich hatte keine Angst, ich war bloss jemand anders, eine Fremder, und mein ganzes Leben war ruhelos, das Leben eines Geistes... ich hatte halb Amerika durchquert, stand an der Wasserscheide zwischen dem Osten meiner Jugend und dem Westen meiner Zukunft.“
Category: Gottesdienst
Posted by: Greminger
Vorbilder sind nicht Mode. Schnell heisst es: Ich will Original sein, nicht Kopie. Und doch - haben wir nicht manch guten Gedanken, der uns belebt, und manch gute Verhaltensweise, die uns Orientierung ist, bei einer anderen Person abgeschaut?
Da ist zum Beispiel Vaclav Havel. Wäre er für uns nicht ein treffliches Vorbild?
Am nächsten Sonntag gestalte ich einen Gottesdienst in der Erinnerung an Vaclav Havel. Thema: "Versuch, in der Wahrheit zu leben." Mit Musik aus seiner Heimat. Ein Versuch - warum nicht?

Zitat aus seiner Neujahrsrede 1990:
"Wir haben gelernt an nichts mehr zu glauben und einander zu ignorieren – uns nur noch um uns selbst zu kümmern. Begriffe wie Liebe, Freundschaft, Mitgefühl, Demut oder Vergebung verloren ihre Tiefe und Dimension. Für viele von uns repräsentieren sie nur psychologische Besonderheiten, oder sie gleichen abhandenge-kommenen Grüssen aus alten Zeiten, ein bisschen lächerlich im Zeitalter von Computern und Raumschiffen..."
Als ich 1980 ein Semester in Wien studierte, erzählte uns ein Dozent von einem gerade erschienenen Buch des tschechischen Dissidenten Vàclav Havel, das wir unbedingt lesen müssten. Es ginge zwar um die Macht der Ohnmächtigen, wie es im Untertitel heisst. Havel beschreibe in diesem Buch aber grundsätzlich, was die Gesellschaften auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges gleichermassen lahmlegen würde. Der Verlust der Kraft des Geistigen. Die Entwicklung im Osten in den 80er Jahren hat dann viel von dieser Kraft aufleben lassen. Und danach? Bei uns im Westen?
Ich habe das Buch von Havel, das ich damals in Wien gekauft habe, in meinem Büchergestell gefunden und blättere es durch. Dabei fällt mir eine Stelle auf, die ich damals mit Bleistift angestrichen habe. Sie scheint mir aktueller denn je. Darum sei sie hier in Erinnerung gerufen:

"Unsere Aufmerksamkeit richtet sich also unausweichlich auf das Grundsätzliche - auf die Krise der modernen technischen Zivilisation insgesamt. Auf jene Krise, die Heidegger als die Ratlosigkeit des Menschen der planetaren Macht der Technik gegenüber beschreibt. Die Technik - dieses Kind der modernen Wissenschaft, die wiederum ein Kind der neuzeitlichen Metaphysik ist - glitt dem Menschen aus der Hand, hörte auf, ihm zu dienen, versklavte ihn und zwang ihn, ihr bei der Vorbereitung seines eigenen Verderbens zu assistieren. Der Mensch weiss keinen Ausweg. Er verfügt über keine Idee, keinen Glauben, geschweige denn über eine politische Konzeption, die ihm die Herrschaft über die Situation zurückgeben könnte. Er schaut ohnmächtig zu, wie ihn jene gefühllos funktionierende Maschine, die er geschaffen hat, unaufhaltsam verschlingt, wie sie ihn aus allen seinen natürlichen Bindungen herausreisst. Zum Beispiel aus seiner "Heimat" in den verschiedensten Bedeutungen des Wortes."

Und noch eine Stelle, die ich angestrichen habe:

"Was also nun? Bei allem geht es um den Versuch, in der Wahrheit zu leben. Es geht um die radikale Erneuerung der authentischen Beziehung des Menschen zu dem, was ich "menschliche Ordnung" nenne, was durch keine politische Ordnung und durch keine Institution und durch keine Bürokratie ersetzt werden kann. Die neue Erfahrung des Seins braucht eine geistige Verankerung. Sie meint die Verantwortung als Beziehung zu den Mitmenschen und zur menschlichen Gemeinschaft- Dies ist die Richtung, um die es geht."
Am Reformationssontag machten wir Reformierten der Stadt Zürich im HInblick auf die Reformen, die in der nächsten Zeit auf uns zukommen, uns Gedanken zum Wort aus dem Prophetenbuch Jeremia "Suchet der Stadt Bestes" - hier einige Gedanken dazu:

Wie andere Grossstädte tendiert auch Zürich zum 24 Stunden Betrieb. Ist es richtig, dass wir von der Kirche das einfach auch toll finden? Unterstützen wir diesen Trend, indem wir uns zur Partykirche entwickeln? Fachleute sagen, dass die Jugendgewalt stark zugenommen hätte, seit dem die Parties in der Nacht stattfinden. Und: Dienen die erweiterten Ladenöffnungszeiten dem Wohl der Stadt?
Da sind wir natürlich bei Themen, die politisch gar nicht opportun sind. Gleich setzt man sich in die Nesseln. Und schnell heisst es:
Ach - das ist doch der alte zwinglianische Geist. Zwang statt Freiheit. Ruhe und Ordnung statt Fest, Plausch und Party.
„Suchet der Stadt Bestes. Betet für sie zu Gott“.
Wofür stehen wir als reformierte Kirche der Stadt Zürich? In Richtung Partykirche oder in Richtung Tradition im Geist Zwinglis, so dass wir uns zum Beispiel für die Wiedereinführung der Nachtruhe stark machen?
Wissen wir denn, was das Beste ist für die Stadt? Wissen wir, was dem Wohl der Stadt dient? Wissen wir, wofür wir beten sollen, wenn wir für unsere Stadt beten?
Das prophetische Wort „Suchet der Stadt Bestes“ weist uns jedenfalls auf das Ganze hin. Ich zitiere Professor Konrad Schmid: „Eine der unumstürzbaren Grundüberzeugungen der reformierten Kirche ist, dass dasjenige, was sie über Gott und die Welt zu sagen hat, eben keine religiöse Sondergruppensemanik ist, sondern etwas, was grundsätzlich alle, jede und jeden, alle politischen Bürgerinnen und Bürger angeht. Die Frage danach, was die Welt im Innersten zusammenhält, was ein gutes Leben möglich macht und wie wir uns als endliche Wesen in einer uns gegebenen Welt verhalten und verstehen sollen, ist auch für diejenigen von Belang, die nicht in die Kirche gehen und keine Kirchensteuer bezahlen.“ Und weiter: „Natürlich können wir der Stadt Zürich kein ausgeglichenes Budget oder neue Tramlinien bescheren, aber wir können ihr intellektuelle Orientierung, geistigen Reichtum und das doppelte Bewusstsein der Notwendigkeit und der Grenzen menschlicher Verantwortung schenken. Dies wäre höchst aktuell angesichts einiger begründeter Hinweise im öffentlichen, nationalen und globalen Leben, die auf eine gewisse babylonische Gefangenschaft von Politik und Wirtschaft hindeuten. Suchen wir also das Wohl der Stadt, denn in unserem Wohl liegt auch ihr Wohl und in ihrem Wohl liegt auch unser Wohl“.
Gross sind die Gegensätze in unserer Stadt.
Sozial, politisch, wirtschaftlich. Zürich ist die Stadt der Tüchtigen im Sinn des reformierten Arbeitsethos. Die Kirche hat einiges getan, um sie zu erreichen. Was können wir mehr als weiterhin Orte der Einkehr, des Nachdenkens, der Seelsorge, des Gesprächs zu anzubieten? „Haltestille Bahnhofstrasse“ ist ein neues ökumenisches Projekt. Mit Musik, Wort und Stille jeweils am Donnerstag über Mittag sollen ab Januar 2012 in der Augustinerkirche die Vielbeschäftigten und Gestressten rund um die Bahnhofstrasse einen Ort der Einkehr, der Stille, des Nachdenkens und der Seelsorge finden.
Gross sind die Gegensätze in unserer Stadt.
Ich komme regelmässig mit Menschen auf der Schattenseite in Kontakt, die einmal Zuflucht in der Stadt gesucht haben, die den Weg in die Welt der Tüchtigen aber nicht geschafft haben. Am Donnerstag haben wir Abschied genommen von André. Im 48. Lebensjahr ist er gestorben. Vom Leben auf der Schattenseite, von der Sehnsucht nach Liebe, von der Frustration und der entsprechenden Selbstmedikation gezeichnet, war er von seiner Herkunft her er ohne Chance, je in der Welt der Tüchtigen bestehen zu können.
Wir glauben und wir bedenken mit, wie es Jesus es in der Bergpredigt formuliert hat, dass Gott seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute. Mehr noch. Als Nachfolger Christi glauben wir an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Wir glauben an das Gute, auch wenn es aussichtslos scheint. Wir glauben an Gott, dass er in der Kraft des Liebe mitten unter uns ist, auch wenn wir das nicht beweisen können, auch wenn wir bisweilen daran zweifeln.
Wir suchen das Wohl der Stadt Zürich. Wir beten für sie zu Gott.
Auch wenn nur noch jeder 4.Einwohner Mitglied der unserer Kirche ist. Auch wenn wir mitgefangen sind im modernen Mythos vom mehr und immer mehr Haben müssen, vom sich mehr und immer mehr Darstellen und Profilieren müssen. Mitgefangen auch von der entsprechenden Kehrseite: Dem Gefühl der Leere, welches bei uns alle, den Tüchtigen und den Süchtigen gleichermassen umgeht.
Jenseits von Eden bleibt der Wunsch, doch irgendwie noch mit der Schöpfung verbunden zu sein. Erdverbunden, um Kraft zu schöpfen.
Nicht nur in der Religion, nicht nur im Glauben. Nicht nur über den Kopf, sondern auch direkt.
Wie es dem Jakob in der Wüste mit dem Kopf auf dem Stein im Traum geschah. Wie es im Gedicht geschrieben steht:

Täglich heisst es stirb und werde,
schlafend schöpfst du neue Kraft
aus der Tiefe dieser Erde
für die lange Wanderschaft Koni Engler

Diese Erd-Verbundenheit – zugleich die Vergänglichkeit allen Lebens
Im Werden und Vergehen – habe ich in einem Mundartgedicht sehr schön beschrieben gefunden. Es passt zu diesen wunderbaren Herbsttagen, die Sie hoffentlich auch geniessen.

Weisch, was ich emal möcht im Herbscht?

Weisch, was ich emal möcht im Herbscht?
En lange Schlaf im Acher tue
En tüüfe Traum am Bode zu
Und alli Blätter chömted liis
Im chüele Wind über d’Wiis
Und alle Räge fallti schwer
En dunkle Trank vom Himmel her.

S’müest eimal sii, me chönnti gaa,
me leit sis Gsicht in Acher ie,
laat Täg und Schtunde durezieh
und weiss kei Strass und suecht käs Huus
leits Läbe wienen Teppich uus
und drüber lüüchtet, blau und gross. Ernst Kappeler
Als Bergler aufgewachsen liegt es mir fern, mich in frömmlerischem Gedusel zu baden. Gleichzeitig mit meiner Pensionierung entschied ich mich, etwas gegen meine immer wieder auftretenden Depressionen zu tun. Ich erinnerte mich an die Jugendzeit, wo mir der Kirchgang gleichsam als Pflicht wie auch zur Freude wurde.
Ein Glücksfall führte mich in den 90er Jahren in den Gottesdienst.
Da erlebte ich eine wunderbare Fülle von guten Gedanken, welche mir künftig als seelische Nahrung dienten. Ich wurde vom Selbstmitleid befreit. Nun benütze ich mich ganz bewusst dieses kirchliche Angebot.
Meine Zufriedenheit, der psychische Halt auch mal mit einem Problem umgehen zu können, verdanke ich weitgehend der inneren Ausrichtung, die mir eben meine aktive Verbundenheit mit dem Gottesdienst gewährleistet.
Aber die innere Einstellung, die mich zum Kirchgang begleitet, spielt dabei eine wichtige Rolle. So laufe ich meine 20 Minuten zu Fuss zur Kirche. Da nehme ich mit Vorliebe so Platz, dass ich mich frei fühle. Also nicht eingeklemmt zwischen anderen Besucher bin.
So geniesse ich das wunderschöne Eingangsspiel, das mich innerlich schon froh und auf den Ablauf des Gottesdienstes einstimmt. Dann folgen Wort, Gebet, Gesang und Predigt. Ich würde jedem raten, probeweise an 3 bis 4 Gottesdiensten teilzunehmen. Er könnte sich dann seine bedenkliche Einstellung revidieren. Als Gottesdienst-Besucher sollte der Einzelne sich auch nicht so unheimlich wichtig nehmen und glauben, er sei das Grösste, was es auf Erden gibt.
Bei den Gebeten etwa geht es in die Tiefe, was berührt und erstaunt:
Ja – ich bin mit meinen Gefühlen nicht allein. Es ist jemand da, der sie kennt. In der Stille schätze ich das Abtauchen zu meinen privaten Anliegen. Als lebenslangem Chorsänger steigen mir beim Singen meine besten Gefühle in mir auf. Dies ist die Dankbarkeit für mein langes Leben. Dank dieser sonntäglichen Erfahrung durfte ich meine früheren depressiven Anflüge und mein Selbstmitleid ablegen und kann die alten Tage mit dankbaren Glücksgefühlen erleben.
Einen Psychotherapeuten benötige ich nicht, und ich kann damit die Krankenkasse schonen. Die Kirchensteuer wird mit Gewinn eingesetzt, und diese ist auch viel günstiger zu haben. Zusätzlich schätze ich die wertvollen zwischenmenschlichen Beziehungen.







„Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe, wie Wind und Wiesen, ewiges Daheim. Freiheit bekamen wir uns zu bewegen und zu Gott ja zu sagen oder nein“.
In diesem Lied wird die Emanzipation vom alten Glauben, vom „alten Gott“, wie Nietzsche sagte, mit einem neuen Glauben und mit einem neuen Gottesverständnis verbunden. Religionskritik, die Romantik und christlicher Glaube werden kreativ miteinander verbunden.
Es geht um die Erfahrung und um den Vergleich: So wie du am Strand das Meer und dich selber empfindest, als Sandkorn am Strand, als Tropfen im Ozean, als kleiner Teil des unendlichen Ganzen, hingewendet zur Freiheit des Seins mit all seinen Möglichkeiten, aufgehoben im pulsierend atmenden Rauschen seiner Wellen, so bist du ein Teil der grossen Liebe Gottes, umfangen von der sozusagen rauschenden göttlichen Zuwendung, die dir Kraft - Freiheit und Selbstsein verleiht, die dir zuspricht und zugesteht: „Werde der du bist“.
„Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe...“ Natürlich ist das nur ein Vergleich – menschlich, brüchig, fragmentarisch - ein schwacher Versuch, die Grösse, die Weite der Liebe Gottes zu erfassen und mithilfe der menschlichen Erfahrung zu begreifen. Natürlich ist Gott nicht gleichzusetzen mit dem Meer. Wir haben gesehen: der Vergleich hinkt, ist einseitig. Er beschränkt sich auf die schöne, die romantische Seite. Das Meer an sich, wie ja auch das Leben an sich, ist nicht Romantik pur, sonder hat auch die andere, die abgründige, die bedrohliche, die zerstörerische Dimension. Kommt dazu, dass auch Gott an sich nicht einfach grenzüberschreitend, unpersönlich und mit dem ozeanisches Gefühl gleichzusetzen ist. Gott ist mehr als das, er kann uns auch zum Gegenüber werden. Wenn wir uns ihm zuwenden, wird er persönlich und zugänglich.
„Der das Ohr geschaffen hat, sollte der nicht hören?
Der das Auge geschaffen hat, sollte der nicht sehen?
Der das Herz geschaffen hat, sollte der nicht fühlen?“

Und doch sei der Vergleich mit dem Meer gewagt.
So wie wir uns als Sandkorn am Strand, als Tropfen des Meeres uns selber als kleiner Teil des unendlichen Ganzen empfinden, hingewendet zur Weite, zur Freiheit des Seins mit all seinen Möglichkeiten, aufgehoben im ewigen Rauschen des Meeres, so sind wir ein Teil der grossen Liebe Gottes, umfangen von der sozusagen ewig rauschenden göttlichen Zuwendung, die uns Kraft, Freiheit und Selbstsein verleiht, die uns zuspricht: „Werde der du bist“

„Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe,
wie Wind und Wiesen, ewiges Daheim“.
Bekannt wurde das Bildwort vom „ozeanischen Gefühl“. Man fühlt sich aufgehoben am grossen atmend rauschenden Meer, verschwindend klein und unbedeutend der einzelne Mensch zwar, ein Sandkorn am Strand, ein Tropfen im Meer, aber doch Teil des Ganzen.
Die Grenzen des Personseins verschwimmen im Zustand der Euphorie, die sich einstellt, wenn man sich dem Meer im Sinn der Romantik hingibt.Das ozeanische Gefühl.
Als Reaktion auf seine religionskritische Schrift "Die Zukunft einer Illusion" von 1927 erhielt Sigmund Freud vom französischen Schriftsteller Romain Rolland einen Brief, in dem ihm dieser vorwarf, dass er das ozeanische Gefühl als Quelle der Religiosität gänzlich vernachlässigt habe. Freud gesteht ein, dieses ozeanische Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen in sich nicht entdecken zu können. Er erklärt dieses Gefühl dann aber psychologisch. Es meinte, es sei ein frühkindliches Gefühl, da das Kind sich noch in einer magischen Welt befindet. da die Grenze von Innenwelt und Aussenwelt noch nicht gebildet ist. Dazu ein Zitat von Sigmund Freud:
„Ich kann mir vorstellen, dass das ozeanische Gefühl nachträglich in Beziehung zur Religion geraten ist. Dieses Einssein mit dem All, der Weite des Meeres spricht uns ja an wie ein erster Versuch einer religiösen Tröstung, wie ein anderer Weg zur Ableugnung der Gefahr, die das Ich als von der Aussenwelt drohend erkennt.“
Jedenfalls gilt seit dem Zeitalter der Romantik: Das Meer wird mit einem positiven Gefühl verbunden, dem ozeanischen Gefühl. Das Meer wird zum Sinnbild der Befreiung. Und meint das Aufbrechen des Korsetts des alten Glaubens, den die Kirchen und die Moral verkörpern. Keiner hat dieses Ausbrechen aus dem als eng und engstirnig empfundenen alten Glauben und das Aufbrechen in die neue, weite Welt der Freiheit so intensiv beschrieben wie der Philosoph Friedrich Nietzsche:
„Was es mit unsrer Heiterkeit auf sich hat. In der Tat, wir Philosophen und »freien Geister« fühlen uns bei der Nachricht, daß der »alte Gott tot« ist, wie von einer neuen Morgenröte angestrahlt; unser Herz strömt dabei über von Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung – endlich erscheint uns der Horizont wieder frei, endlich dürfen unsre Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagnis des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so »offenes Meer«.
Nietzsche deutete das Meer religionskritisch. Es ist Sinnbild der Emanzipation aus dem Gefängnis des kirchlich dogmatischen Denkens. Das Meer ist Sinnbild der Befreiung des Menschen zu sich selber – gemäss seinem Wahlspruch: „Werde der du bist“.
Ueber diesen Umweg nun komme ich zu unserem Lied: „Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe“. Es ist ein modernes, freiheitliches, aber auch ein religionskritisches Lied. Es hat den alten, dogmatischen Glauben verabschiedet. Es wagt den Schritt in die moderne Zeit und es transzendiert auch die Emanzipation aus dem alten Glaube und schlägt die Brücke zu einer neuen Art von Religiosität, indem es den Vergleich wagt. Was Nietzsche mit Weite, Freiheit, Eigenständigkeit verbindet – das Meer – wird mit Gott verglichen. Gott ist wie das Meer. Inbegriff von Weite, Freiheit, Eigenständigkeit.
 
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